Altersvorsorge: gesetzlich oder privat?

Auch unter Selbstständigen begegnet man immer wieder Schlaubergern, die perfekt erklären können, wie "unrentabel" die gesetzliche Rentenversicherung ist, und um wie viel besser sie zum Beispiel mit ihren Aktienfonds fahren. Und dass das System der gesetzlichen Rentenversicherung sowieso so kaputt ist, dass man am Ende – oder schon in ein paar Jahren – "nichts mehr herausbekommen" wird.

Sicher: Die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung sind hoch, und die am Ende gezahlten Renten sind es nicht gerade. Dennoch stecken hinter dieser Argumentation gleich mehrere Denkfehler:

  • Zum Ersten ist die gesetzliche Rentenversicherung gar keine Geldanlage, sondern eine Versicherung. Das ist ein wichtiger Unterschied: Zum Umfang der solidarischen Versicherung gehört beispielsweise, dass sie bei schweren Erkrankungen auch die Reha-Aufenthalte und -Behandlungen zahlt. Und für den Verdienstausfall während solcher Zeiten gibt es auch noch Ersatz: das "Übergangsgeld". Bezahlt wird das alles von der "Deutsche Rentenversicherung Bund". Einen Aktienfonds, der solche Zahlungen im Angebot hat, haben wir bisher noch nicht entdeckt.
  • Auch die Möglichkeit, eine Erwerbsunfähigkeitsrente – also Zahlungen schon vor dem "Fälligkeitstermin" – zu bekommen, gibt es nur bei der Rentenversicherung, nicht bei Geldanlagen. Zwar kann (und sollte!) man für eine Berufsunfähigkeitsrente eine gesonderte private Versicherung abschließen. Aber wenn man die mit einrechnet – ob dann die Gesamt"rendite" noch stimmt?
  • Zudem bleiben alle Geldanlagen der wirtschaftlichen Entwicklung und damit sämtlichen Finanzkrisen unterworfen. In diesem Land leben immer noch Menschen, die in ihrem Leben schon zweimal eine fast vollständige Geldentwertung miterlebt haben. Nach der Weltwirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren und nach der Währungsreform 1948 waren Geldanlagen, Sparvermögen und Bargeld auf einen Schlag so gut wie wertlos. Wer darauf als Altersvorsorge gesetzt hatte, stand plötzlich ohne alles da. Die Rentenversicherung aber zahlte weiter.
  • Und wenn man schon "Renditen" vergleicht, sollte man das ehrlich tun. Wer die Chance hat, vom Arbeitgeber oder von der Künstlersozialkasse die Hälfte seiner Rentenversicherungsbeiträge als Zuschuss zu bekommen, erzielte mit seinen Eigenbeiträgen schon vor Finanzkrise und Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank eine deutlich höhere Verzinsung, als sie zum Beispiel private Lebensversicherungen garantieren.

Zudem ist der Vergleich nur bedingt tauglich, denn es geht auch um eine Grundsatzfrage. Wer bei der Rentenversicherung nur auf die "Rendite" schaut, übersieht, dass so eine gesamtgesellschaftliche Altersvorsorge nicht funktionieren kann. Zumal mit den Beiträgen gar nicht die eigene Rente finanziert wird, sondern die der Eltern und Großeltern. So funktioniert nun mal der "Generationenvertrag". Wer gegen eine allgemeine Altersvorsorge ist, in die alle Erwerbstätigen einzahlen müssen, oder sich mit Tricks einer bereits bestehenden Rentenversicherungspflicht entzieht, lehnt in Wirklichkeit die Mitverantwortung für den Lebensabend der heutigen Alten ab. Und das ist zweifellos ein Konstruktionsfehler der heutigen selektiven Rentenversicherungspflicht: dass sich allzuviele der gemeinsamen Verantwortung entziehen und die Finanzierung der gesetzlichen Renten anderen überlassen, die selbst nicht gerade im Überfluss leben. Für einen Umbau der Rentenversicherung auf ein wirkliches Solidarsystem gibt es fundierte Modelle, deren Umsetzung wird langsam dringend.

Natürlich kann man über all das und die Details - etwa über die Beteiligung von Auftraggebern und Vermittlungsplattformen an einer solidarischen Versicherung - lange und heftig diskutieren. Nur geht es für den Einzelnen hier nicht um ein theoretisches Problem, sondern um die praktische Frage: Was gibt es heute Besseres als das Prinzip der gesetzlichen Rentenversicherung? Bei genauem Hinsehen: Nichts.



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Quelle: www.mediafon.net//ratgeber_haupttext.php3?id=4b2774c63248e&ref=&si=5a064c5188e8f&view=print&lang=1
Druckdatum: 22.11.2017, 00:16:58