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Altersvorsorge: gesetzlich oder privat?

Auch unter Selbstständigen begegnet man immer wieder Schlaubergern, die perfekt erklären können, wie "unrentabel" die gesetzliche Rentenversicherung ist, und um wie viel besser sie zum Beispiel mit ihren Aktienfonds fahren. Und dass das System der gesetzlichen Rentenversicherung sowieso so kaputt ist, dass man am Ende – oder schon in ein paar Jahren – "nichts mehr herausbekommen" wird.

Sicher: Die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung sind hoch, und die am Ende gezahlten Renten sind es nicht gerade. Dennoch stecken hinter dieser Argumentation gleich mehrere Denkfehler:

  • Zum Ersten ist die gesetzliche Rentenversicherung gar keine Geldanlage, sondern eine Versicherung. Das ist ein wichtiger Unterschied: Ich selbst habe nach diversen schweren Erkrankungen in den letzten Jahren mehrere Reha-Aufenthalte hinter mir – z.B. vier Wochen Sylt im Einzelzimmer mit Vollpension, Sportangeboten und ärztlicher sowie physiotherapeutischer Betreuung. Und für den Verdienstausfall während dieser Zeit gab es auch noch Ersatz: das "Übergangsgeld". Bezahlt hat das alles die "Deutsche Rentenversicherung Bund". Einen Aktienfonds, die solche Zahlungen im Angebot hat, habe ich bisher noch nicht entdeckt.
  • Auch die Möglichkeit, eine Erwerbsunfähigkeitsrente – also Zahlungen schon vor dem "Fälligkeitstermin" – zu bekommen, gibt es nur bei der Rentenversicherung, nicht bei Geldanlagen. Zwar kann (und sollte!) man für eine Berufsunfähigkeitsrente eine gesonderte private Versicherung abschließen. Aber wenn man die mit einrechnet – ob dann die Gesamt"rendite" noch stimmt?
  • Zudem bleiben alle Geldanlagen der wirtschaftlichen Entwicklung und damit sämtlichen Finanzkrisen unterworfen. In diesem Land leben immer noch Menschen, die in ihrem Leben schon zweimal eine fast vollständige Geldentwertung miterlebt haben. Nach der Weltwirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren und nach der Währungsreform 1948 waren Geldanlagen, Sparvermögen und Bargeld auf einen Schlag so gut wie wertlos. Wer darauf als Altersvorsorge gesetzt hatte, stand plötzlich ohne alles da. Die Rentenversicherung aber zahlte weiter.
  • Und wenn man schon "Renditen" vergleicht, sollte man das ehrlich tun. Wer die Chance hat, vom Arbeitgeber oder von der Künstlersozialkasse die Hälfte seiner Rentenversicherungsbeiträge als Zuschuss zu bekommen, erzielt mit seinen eigenen Beiträgen auch heute noch eine deutlich höhere Verzinsung, als sie zum Beispiel private Lebensversicherungen im Durchschnitt garantieren. Wer nicht in die Künstlersozialkasse will, weil man dann auch in die Rentenversicherung "muss", der verschenkt auf jeden Fall Geld.

Aber vor allem ist das eine Grundsatzfrage. Denn wer bei der Rentenversicherung nur auf die "Rendite" schaut, übersieht, dass er mit seinen Beiträgen gar nicht die eigene Rente finanziert, sondern die seiner Eltern und Großeltern. So funktioniert nun mal der "Generationenvertrag". Wer sich heute mit irgendwelchen Tricks der Rentenversicherungspflicht entzieht, lehnt ja in Wirklichkeit die Mitverantwortung für den Lebensabend der heutigen Alten ab. Und das ist zweifellos ein Konstruktionsfehler der heutigen Rentenversicherungspflicht: dass die, die genug Geld haben, sich dieser gemeinsamen Verantwortung für die heutigen Alten entziehen und die Finanzierung von deren Renten denen überlassen können, die selbst nicht gerade im Überfluss leben. Für einen Umbau der Rentenversicherung auf ein wirkliches Solidarsystem gibt es fundierte Modelle.

Und schließlich kann man über all das sicher lange und heftig diskutieren. Nur geht es für den Einzelnen hier nicht um ein theoretisches Problem, sondern um die praktische Frage: Was gibt es heute Besseres als die gesetzliche Rentenversicherung, wie sie nun mal ist? Bei genauem Hinsehen: Nichts.



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